Ändern sich soziale Verhaltensweisen in Folge der Corona-Pandemie?

Was haben Wahlumfragen und der Wetterbericht gemeinsam? Beide versuchen einen Blick in die Zukunft und beide stützen sich dabei auf solide wissenschaftliche Methoden. Dennoch liegen Wahlergebnisse und das tatsächliche Wetter nicht selten weit entfernt von den Prognosen. Das antike Orakel von Delphi umschiffte diese Klippe einst auf elegante Weise: Die Orakelsprüche waren oft mehrdeutig und ließen so klare Aussagen aus, verblieben also im Vagen.

Ein Team der Friedrich-Schiller-Universität Jena verbindet nun auf wissenschaftlicher Basis erstellte Zukunftsprognosen mit dem Versuch herauszufinden, welche dieser Prognosen am wahrscheinlichsten eintreffen werden. Nicht zufällig spielen dabei sogenannte Delphi-Befragungen eine entscheidende Rolle.

Antworten mit sehr großer Bandbreite und kontroversen Ansichten

„Wir möchten herausfinden, wie sich die sozialen Beziehungen der Menschen im Lockdown verändert haben und welche langfristigen Folgen sich daraus ergeben“, sagt der Sozialgeograf Prof. Dr. Simon Runkel von der Friedrich-Schiller-Universität. Wir, das sind federführend vier Wissenschaftler vom Schumpeter-Zentrum zur Erforschung des sozialen und ökonomischen Wandels. Neben Simon Runkel gehören der Wirtschaftsgeograf Prof. Dr. Sebastian Henn dazu, der Religionspädagoge Prof. Dr. Michael Wermke und Prof. Dr. Stefan Strohschneider, Psychologe im Bereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation der Universität Jena. Die Forschergruppe hat zu fünf Themenfeldern Fragen entwickelt und an ausgewiesene Expertinnen und Experten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften im deutschsprachigen Raum verschickt.

In der Corona-Pandemie hat sich der Handschlag verändert. Welche Körperlichkeit es nach der Pandemie geben wird, ist eine der Fragen eines aktuellen Forschungsprojekts der Universität Jena. (Foto: Jens Meyer/Universität Jena)
Symbolbild (Inszeniertes Foto!) – Menschen begrüßen sich mit dem Faustgruß am 23.09.2021 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena in Jena. Bereits vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie begrüßten sich viele mit der Faust. Dabei sind beide Hände zu Fäusten geballt und berühren sich kurz, eine sogenannte ‘Fist Bumb.’ Tatsächlich ist die Übertragung von Viren über die Faust eher gering. Foto: Jens Meyer/Universität Jena

„Die Antworten zeigen eine große Bandbreite und lassen teilweise sehr kontroverse Ansichten erkennen“, sagt Michael Wermke. Inhaltlich geht es um Themen wie Körper und Körperlichkeit, Übergangsriten oder soziale Nähe- und Distanzverhältnisse. „Wir fragten etwa danach, was es für die Körperlichkeit bedeutet, wenn physical distancing geboten ist, wenn es keinen Handschlag und keine Umarmung mehr geben soll“, sagt Simon Runkel. Daran anschließend ging es um die Frage, ob solche traditionellen Formen des täglichen Miteinanders nur für die Dauer der Pandemie ausgesetzt werden oder ob sich das menschliche Verhalten dauerhaft verändert.

Beobachtet werden zudem ein Rückzug ins Private und ein einhergehender Bedeutungsverlust des öffentlichen Raumes. Dieser öffentliche Raum verlagere sich dafür mehr und mehr ins Digitale, so Sebastian Henn. Zugleich konstatierten die Experten neue Formen der Mündlichkeit, wobei nicht klar sei, so fragt sich Stefan Strohschneider, ob diese nicht als neue Formen von Geschwätzigkeit zu interpretieren sind. Nicht einig sind sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zudem bei der Frage, ob die Pandemie solche Entwicklungen auslöst oder lediglich bereits vorhandene Tendenzen verstärkt.

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Ziel: konkrete Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft

Es ist nicht nur wissenschaftliche Neugier, die die Forscher vom Schumpeter-Zentrum antreibt. Ihre Erkenntnisse sollen in einem Paper münden, das Handlungsempfehlungen für die Politik und Akteure der Zivilgesellschaft in Thüringen gibt. Deshalb ist für den 15. Oktober ein Workshop geplant, bei dem Wissenschaft auf Praxis trifft.

Die Ergebnisse aus den Delphi-Befragungen sollen mit den Erfahrungen von Praktikern verglichen werden. Die Wissenschaft hat sich deshalb Mitarbeiter von Altenheimen, Sozialpädagoginnen und Mitarbeiterinnen von Beratungsstellen eingeladen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Aus den Orakeln sollen im Dialog handfeste Empfehlungen werden. So könnte es gelingen, der Zukunft die günstigsten Prognosen abzuringen und bei Fehlentwicklungen gegenzusteuern.

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Foto: Jens Meyer // UNI Jena